Orgelfasching mit Michael Seibel in Anholt
Mit einem schwungvollen Programm hat Organist Michael Seibel am Sonntag, 8. Februar 2026, das neue Konzertjahr der Reihe "Klingende Orgel Pankratius" eröffnet.
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Bereits deutlich vor 17:00 Uhr füllten sich die Bänke in St. Pankratius, als der Organist nach Oktober 2023 nun erneut an der Orgel Platz nahm und sein Publikum auf eine musikalische Reise "Von Bach bis Polka" mitnahm – so der passende Titel des Abends zur Karnevalszeit.
Seibel zeigte die Orgel als wahres Verwandlungstalent und nutzte die Registervielfalt des Instruments, um sowohl barocke Klarheit als auch den Glanz eines ganzen Orchesters hörbar zu machen. Bereits mit dem ersten Stück, dem "Muppet-Show-Theme", ließ er wahrlich die Puppen tanzen und kam hintergründig schelmisch daher.
Die sich anschließende Toccata d-Moll BWV 538 ("Die Dorische") von Johann Sebastian Bach schien auf den ersten Blick als Fremdkörper im Konzert. Ihr strenger, monumentaler Charakter und die archaische dorische Tonalität standen im Kontrast zur gängigen Vorstellung des rheinischen Karnevals als ausgelassenem Fest. Seibel zeigte mit Bachs Werk aber, dass Karneval nicht nur laut und bunt ist, sondern auch ernst und fremd - ein Fest der Umkehr, selbst im Gewand strengster Kunst.
Als heiteres und elegantes Gegenstück dazu setzte der Organist Bachs Triosonate in C-Dur, BWV 529. Ihr kammermusikalischer Charakter, die tänzerische Motorik der Ecksätze und die klare Dreistimmigkeit wirkten gerade so, als wollten sie Bewegung, Kommunikation und spielerische Leichtigkeit verkörpern – eine musikalische Facette des Karnevals jenseits von Maskenlärm und Übertreibung. Trotz der hohen spieltechnischen Anforderungen wirkten der erste und der dritte Satz transparent und tänzerisch; eine kultivierte, "geordnete" Form karnevalesker Ausgelassenheit. Der langsame Mittelsatz bildet einen bewussten Ruhepunkt: Seine gesangliche Linienführung und der intime Ausdruck erinnern daran, dass Karneval traditionell auch Zeiten der Sammlung und des Innehaltens kennt – ein Moment der Reflexion innerhalb des Festes.
Der "Liberty Bell March" von John Philip Sousa war ein musikalisches Augenzwinkern. Seibel zeigte hier einmal mehr, dass die Orgel nicht nur ehrwürdig, sondern auch humorvoll und spielerisch sein kann. Mitreißend und handwerklich souverän vorgetragen, konnte man sich dem Schwung des Marsches kaum entziehen.
Mit "The Cascades" von Scott Joplin hielt der Ragtime Einzug ins Orgelkonzert. Ursprünglich für das Klavier geschrieben, entfaltet der Rag auf der Orgel einen besonderen Reiz: Die klare Stimmführung machte die rhythmische Raffinesse hörbar, während die Registrierung spielerische Farbwechsel erlaubte. Beides setzte Seibel mit Bravour um. So wurde das Stück ein lebendiger, synkopisch-rhythmisch sprudelnder Programmpunkt urbaner Lebensfreude - ein musikalisches Plädoyer für Leichtigkeit, Witz und stilistische Offenheit.
Mit "Unter Donner und Blitz" wurde das Karnevalskonzert endgültig entfesselt. Die schnelle Polka von Johann Strauß-Sohn sprühte vor überschäumender Energie, die mit blitzsauberer Präzision dargeboten wurde. Donnernde Akzente und rasante Läufe wirkten wie musikalische Konfettiwürfe – effektvoll, pointiert und virtuos gekonnt. Das Publikum ließ sich mitreißen und reagierte mit spontaner Begeisterung: ein temperamentvoller Höhepunkt, der den ausgelassenen Geist des Karnevals perfekt einfing.
Noel Rawsthorne nahm die Melodie des bekannten Matrosentanzes "Sailors Hornpipe" als Thema für seine "Hornpipe Humoresque". Schon zu Beginn wurde der nicht so ernst gemeinte Charakter des Stückes klar, als die Melodie mit der hohen Flöte bei ihrer Vorstellung durch die Posaune als Imitation des Schiffshorns unterbrochen wird. Es folgten musikalische Parodien der Melodie, die sich an bekannten Werken orientieren: Bachs "Brandenburgischem Konzert Nr. 3", Vivaldis "Frühling" aus den Vier Jahreszeiten (hier sogar zusätzlich in Kombination mit "Rule Britannia") und zum Abschluss die berühmte "Toccata" aus der 5. Orgelsinfonie von Charles Marie Widor. Seibel spielte die spritzige Rhythmik und den tänzerischen Schwung der Hornpipe mit hörbarem Vergnügen aus, ohne ins Alberne abzurutschen. Die Musik wirkt leichtfüßig, aber nie beliebig; sie balanciert zwischen Tanzrhythmus, musikalischem Witz und virtuoser Gestaltung, insbesondere dann, als die unterschiedlichen musikalischen Motive scheinbar fließend ineinander verwoben wurden.
Mit Seibels eigener Bearbeitung des "Böhmischen Traums" zog schließlich unverkennbar Blasmusikflair in den Kirchenraum ein. Der populäre Titel erschien in einer weich schwingenden, farbenreichen Orgelversion, in der der vertraute böhmische Schmelz bewahrt blieb, zugleich aber durch den Orgelklang an Weite und Eleganz gewann. Seibel zeigte hier eindrucksvoll seine stilistische Doppelbegabung zwischen Kirchen- und Blasmusik – nicht zuletzt am hörbaren Mitsummen des Publikums.
Noch einmal kam Musik von Johann Sebastian Bach zu Gehör. BWV 593, das "Concerto a-Moll" für Orgel, ist eine Bearbeitung eines Violinkonzerts von Antonio Vivaldi. Mit Bachs BWV 593 erhielt das Karnevalskonzert einen stil- und wirkungsvollen Kontrastpunkt: italienische Virtuosität und klare Form trafen auf musikalische Eleganz. Die klare Konzertform und die mitreißende Motorik verliehen dem Programm Struktur, ohne der festlichen Stimmung die Energie zu nehmen. Das Werk eröffnete eine tiefere, symbolische Perspektive auf den venezianischen Karneval – jenseits von Lärm und grenzenloser Ausgelassenheit.
Zum Abschluss des Orgelfaschings erklang Rossinis Ouvertüre zu "Die diebische Elster". Seibel bündelte noch einmal alle Facetten des Abends. In der Orgelbearbeitung überzeugte er vor allem mit dem spannungsreichen Aufbau, der vom markanten Beginn zielstrebig in das sprühende Finale führte. Mit scharf konturierten Rhythmen und leuchtenden Klangfarben entfachte er mit der Seifert-Orgel ein beinahe orchestrales Temperament und entließ das Publikum mit Rossinis unbändigem Witz und festlicher Brillanz in den Applaus.
Mit seinem abwechslungsreichen Programm und spürbarer Spielfreude sorgte Michael Seibel für einen lebhaften, zugleich qualitativ anspruchsvollen Start in das Konzertjahr der "Klingenden Orgel Pankratius" – ein Auftakt, der Lust auf die kommenden Veranstaltungen macht.